Bootfahren am Jangtse

Ein Blick auf unseren chinesischen Kabinengenossen überzeugte mich dann jedoch von einer Alternative. Er kratzte sich gemütlich den Bauch, gähnte und drehte sich um. Auch Peer in der Koje unter mir machte keine Anstalten sich zu bewaffnen. Also schob ich die Ohropax etwas tiefer in meine Ohren und legte mich wieder hin.

Es dauerte fast zwei Stunden bis alle, die die früheste Tour gebucht hatten, aufgewacht, aufgestanden und von Bord gegangen waren. Zwei sehr lange Stunden, in denen das decibelstarke Krächzen aus den Lautsprechern in unverminderter Intensität anhielt. Als wir nach einer erstaunlich kurzen Stunde weiteren Schlafes aufstanden, waren wir beide wohl etwas derangiert.

Doch mit einer Tasse Tee auf dem Oberdeck mit Reisegutscheine 2016 zu stehen und in die erste Schlucht einzufahren ließ uns alles bis dahin Geschehene vergessen. Da war es egal, dass es meistens empfindlich kalt war, dass es beinahe ständig nieselte und die feucht-kalte Luft einem alle Wärme aus den Gliedern zog. Wir standen auf dem Deck und staunten andächtig. Wahrscheinlich zu lange, denn hinterher hatte ich eine heftige Erkältung, aber gelohnt hat es sich trotzdem allemal.

Die Qutang Schlucht. Und das ist nur der Anfang. Zwei steil aufragende Felswände bildeten eine Art natürliches Tor zur ersten Schlucht, der Qutang Schlucht. Sie ist mit etwa acht Kilometern die kürzeste der drei Schluchten und stellenweise auch recht eng.

Aus dem Wasser des Flusses wachsen Berge zu beiden Seiten, ragen weit hoch in den Himmel und lassen den etwa 150-200m breiten Fluss auf ein empfundenes Zehntel schrumpfen. Steinerne Steilhänge wechseln sich mit bewachsenen etwas flacheren Hängen ab. Finger zeigen bald hier hin und bald dort hin, ständig hört man die Fotoapparate auslösen, man dreht sich im Kreise, sieht nur grün um sich herum, und kann sich doch nicht satt sehen.

Und auf einmal weitet sich die Schlucht zu einem breiten Tal und die erste Etappe ist vorbei. Wie lange die Fahrt durch die Qutang Schlucht dauerte, vermag ich nicht mehr zu sagen. Es kann nicht lange gewesen sein. Meinem Gefühl nach, keine fünf Minuten. Am liebsten hätte ich wie ein kleines Kind nach der Karussellfahrt „noch mal!” gerufen. Wäre es die einzige Schlucht gewesen, ich hätte es getan. Doch da kam ja noch mehr. Viel mehr.

Die kleinen drei Schluchten. Die drei kleinen Schluchten sind gar nicht mal so klein. Das Schiff legte an und wir stiegen in ein kleineres Boot um. Von hier aus ging es in einen Seitenarm des Jangtse. Die kleinen drei Schluchten lagen vor uns. In Worten lässt es sich schlecht beschreiben, wo der Unterschied zwischen grün und grün liegt, zwischen Fels und Fels.

Es war den großen Schluchten ähnlich und doch ganz verschieden. Was nicht nur daran liegt, dass man in den kleinen Schluchten den Hängen nah genug ist um die Affen zu sehen, die dort herumklettern.