Wanzhou verabschiedet sich von uns mit einem Lichtermeer

Ein Bus brachte uns von Chongqing nach Wanzhou, wo wir am frühen Abend das Boot bestiegen. Die Sonne ging bald unter, es war dunkel als wir ablegten und uns Wanzhou mit einem Lichtermeer verabschiedete. Von nun an sollten wir von Natur umgeben sein, bis uns in Yichang mit dem Drei-Schluchten-Damm ein Wunderwerk der Ingenieurskunst wieder in der sogenannten Zivilisation empfangen sollte.

Was unser Boot angeht, so muss ich ehrlich sagen, Das linke Boot war unseres. Es schwamm, das reichte. dass es mir auf den ersten Blick wenig vertrauenswürdig vorkam. Doch ich bin kein See- und beileibe kein Fachmann. Wir hatten die günstigste dritte Klasse gebucht und erfreuten uns am Duft der Toiletten. Ich erlaube es mir die Details auszusparen. Doch soviel sei verraten: Dem Geruch nach gab es ein großes Behältnis für die Abwässer direkt unter unserer Kabine. Doch wie gesagt, ich bin kein Fachmann aber mag Erlebnisgutschein Einlösen. Ich bin Neurobiologe. Ob meine wirren Träume durch die Ausdünstungen hervorgerufen wurden, wäre allerdings eine interessante neurobiologische Fragestellung.

Das Schiff legte ab und steuerte den ersten Halt an. Die ganze Fahrt war in kürzere Etappen eingeteilt. Insgesamt gab es sechs Attraktionen zu buchen. Dass wir nur zwei buchten, die drei kleinen Schluchten sowie den Damm, lag an den gesalzenen Preisen. Doch die Berichte anderer Passagiere gaben unserer Sparsamkeit Recht, zumal manche Attraktionen, wie Tempel, in der Nacht sicherlich nicht so eindrucksvoll wie am Tage sein dürften.

Den ersten Abend nutzten wir, um uns mit anderen Passagieren bekannt zu machen. Da wir nur drei fanden, die Englisch sprachen, fiel die Wahl nicht schwer. Wir saßen auf dem Oberdeck, der Zutritt kostete extra, und erzählten uns unsere Reisegeschichten. Dann hielten wir die Luft an und gingen zu Bett.

Um punkt sechs Uhr früh wurden wir überfallen. Das zumindest war mein erster Gedanke, als von einer Sekunde auf die andere das Schiff erzitterte. In jeder Kabine erwachte der Lautsprecher zu hysterischem Leben.

Der Jangtse stieg um 90m an. Manchmal ist das deutlich zu sehen. Übergangslos auf volle Lautstärke aufgedreht, beschoss er uns abwechselnd mit chinesischer Musik und einer verzerrten weiblichen Stimme, die entweder Erklärungen abgab, was das Tagesprogramm beinhaltete oder uns zu Waffen rief, um das Schiff gegen einfallende Piraten zu verteidigen.

Da wir kein Chinesisch sprechen, konnten wir nur raten was es war. Da ich sowieso senkrecht im Bett saß, war ich versucht, es darauf ankommen zu lassen und mich, mit dem nächsten bewaffnend dessen ich habhaft werden konnte, ein lautes „lebend kriegt ihr mich nie!” brüllend, in den Gang zu werfen.